Robert Stolz (1880 - 1975) Englische-Version

 

 

 

 

Die Dokumentation des österreichischen Bundesministeriums für wirtschaftliche Angelegenheiten über Leben und Schaffen von Robert Stolz  behandelt die Lebensabschnitte des Komponisten „Berlin - die zweite Karriere", „Im Schatten des ‚Dritten Reichs' zwischen Berlin und Wien" sowie „Emigration und Neubeginn".

In dem Abschnitt „Emigration und Neubeginn" wird berichtet: Am Abend des 11. März 1938 hörte Stolz in seiner Wohnung in der Elisabethstraße die Rundfunkansprache des österreichischen Bundeskanzlers Dr. Kurt Schuschnigg; Österreich hatte zu existieren aufgehört. Gewarnt von einem seiner Brüder, einem überzeugten Nationalsozialisten, verließ der Komponist noch in der gleichen Nacht Österreich in Richtung Zürich. Dass er in das „angeschlossene" Österreich nicht zurückkehren konnte und wollte, war ihm bald klar; freilich bedeutete dies die Zurücklassung eines bedeutenden Vermögens.

Von Zürich reiste er nach Paris und ließ sich hier für die nächsten zwei Jahre nieder. Es fehlte nicht an Versuchen der deutschen Regierung und der Reichsmusikkammer, ihn zur Rückkehr zu bewegen; auf die Zugkraft und die Popularität des Namens Robert Stolz wollten die Machthaber nicht verzichten. Sollte er nicht zurückkehren, würde die deutsche Urheberrechtsgesellschaft STAGMA seine Rechte nicht mehr wahrnehmen. Über Vermittlung und auf Druck des Londoner Verlegers Boosey gelang es Stolz, die STAGMA zu seiner Freigabe zu bewegen. Der Erpressungsversuch war abgewendet.
 
  Ein Denkmal für Robert Stolz in Berlin

Von 1924 - 1936 verbrachte Robert Stolz in Berlin glückliche und arbeitsreiche Jahre. Der begnadete Tonschöpfer und Dirigent schuf hier eine Vielzahl seiner unvergänglichen Melodien, half vielen Mitbürgern in schwerer Zeit und trug nach dem letzten Krieg viel zur Versöhnung der Menschen bei.

Dies ist die Inschrift auf dem Denkmal im Robert-Stolz-Park in Berlin-Grunewald, über die der frühere Präsident der Bundesrepublik Deutschland Richard von Weizäcker in einem Brief an Einzi Stolz vom 14. August 1984 schreibt: Etwas Schöneres, als was auf der Inschrift steht, kann man eigentlich zur Erinnerung an einen Menschen nicht sagen.

Die zitierten Zeilen des Bundespräsidenten knüpfen an die ihm von Einzi Stolz überreichte Biographie „Servus Du" an, wofür er sich mit den folgenden Worten bei Einzi Stolz bedankt hat: Sie haben mir mit der großartigen Lebensgeschichte Ihres Mannes, die ja auch - ab Seite 349 - Ihre eigene Geschichte geworden ist, eine sehr große Freude gemacht, für die ich Ihnen herzlich danke. Ich bin glücklich, dieses Buch aus Ihrer Hand und mit Ihrer liebenswürdigen Widmung bekommen zu haben. Welch ein Glück für uns alle, daß das Material für diese spannende und beglückende Biographie rechtzeitig aufgenommen und gesammelt worden ist! Jedes Kapitel ist wie ein Roman für sich, aber der Lebensabschnitt, der mir wohl am meisten bedeutet, ist die Zeit, die Robert Stolz in Berlin verbracht hat. Ich bin sicher voreingenommen, aber mir scheint, dass er dort einige der glücklichsten Jahre seines erfüllten Lebens verbracht hat.

Robert Stolz zählte zu seinen drei sprirituellen Heimatstädten: Graz, seine Geburtstadt; Wien, die Wiege seiner Kunst; Berlin, das Goldene Berlin, für dessen Theater, Kabaretts und Kinos in den zwanziger und dreißiger Jahren einige seiner weltweit bekannten Melodien komponiert wurden.

Anläßlich des 100. Geburtstags des Komponisten ist von Stephan Pflicht im Auftrage der Robert-Stolz-Stiftung ein Robert-Stolz-Werkverzeichnis im Musikverlag Emil Katzbichler erschienen.

Hinzuweisen ist ferner besonders auf die vom Spitzenverband deutsche Musik (SPIDEM) im Jahre 1991 herausgegebene „Chronik deutscher Unterhaltungsmusik" (zu beziehen vom Josef Keller Verlag).

Der Verfasser erinnert sich noch gut daran, einer guten Freundin eine der ersten käuflichen Schellackplatten mit dem Welterfolg „Zwei Herzen im Dreivierteltakt" aus dem gleichnamigen Film geschenkt zu haben. Es war überhaupt nicht voraussehbar, den Komponisten einmal persönlich kennenzulernen. Dazu kam es unerwartet 1949. Über diese für die deutschen Musikschaffenden bedeutsame Begegnung berichtet Einzi in „Servus Du", Seiten 478 ff.: Das Jahr 1949, in dem die nostalgische Operette „Frühling im Prater" seine größte künstlerische Leistung war, erlebte auch den Anfang von Roberts hartem Kampf um die Erhaltung der GEMA, einer Organisation zum Schutz der musikalischen Werke in Deutschland. Die Besatzungsmächte waren drauf und dran, die GEMA aufzulösen, und wenn das gelungen wäre, so wäre die Wiedererweckung des deutschen Musiklebens über Jahre hinaus nur unter großen Schwierigkeiten möglich, ja, vielleicht sogar völlig unmöglich gewesen. Letztendlich war es nur den übermenschlichen Anstrengungen zweier Männer zu verdanken, dass die Zerschlagung der GEMA verhindert wurde. Ihnen gelang es, Freunde in aller Welt für die Rettung der GEMA zu mobilisieren. Einer dieser Männer war Erich Schulze.

Gegen Ende des Jahres 1949 besuchten Robert und ich Berlin. Für Robert, der noch die vitale goldene Stadt an der Spree in Erinnerung hatte, war dies ein erschütterndes Erlebnis. Überall begegneten wir Trümmern und menschlichem Leid. Für jene von uns, die das Berlin des Jahres 1949 gesehen haben, ist es noch immer schwierig, das Wunder zu begreifen, das in der Phase des Wiederaufbaus dort stattgefunden hat. Damals schien die Stadt unrettbar verloren.

In Berlin trafen wir Erich Schulze, den Mann, der unmittelbar nach Kriegsende die neue Gesellschaft an Stelle der STAGMA ins Leben gerufen hatte: GEMA - eine Organisation zum Schutze der Komponisten und ihrer Werke. Es war ein trauriger, wenngleich sehr anregender Besuch, den wir Erich Schulze abstatteten. Überall in der spartanisch eingerichteten Wohnung lagen Papiere: Die Unterlagen, auf welche die hartbedrängten deutschen Komponisten, Autoren und Musikverleger all ihre Hoffnung setzten.

Ich entsinne mich, dass es sehr kalt war und dass es in Berlin fast nichts zu essen gab. Bei einem kargen Mahl erzählte uns Schulze eine Geschichte, die uns nur noch depressiver stimmen konnte.

Aufgrund der „Anti-Trust-Gesetze" sollte auch die GEMA als Monopolgesellschaft zerschlagen werden. Wenn es nicht gelingen würde, sehr schnell internationale Unterstützung zu mobilisieren, so würde die GEMA aufgelöst, und Deutschlands Künstler wären damit ihres Schutzes und Einkommens beraubt und von aller Welt abgeschnitten. Robert selber hatte bei einer eventuellen Vernichtung der GEMA wenig zu verlieren, da er Mitglied einer ausländischen Gesellschaft war. Doch war er, wie immer, um das Wohl anderer mehr als um sein eigenes besorgt.

„Mein Gott" rief er aus, „wenn die GEMA zerstört wird, dann werden die deutschen Komponisten und Schriftsteller keinerlei rechtlichen Schutz für ihre Werke mehr haben! Sie werden buchstäblich verhungern! Das kann ich nicht zulassen!"

Tag und Nacht war Schulze damit beschäftigt, Dokumentationen zusammenzustellen und juristische Abhandlungen zur Verteidigung der GEMA zu verfassen. Eines Vormittags überreichte er Robert einen dicken Aktenordner, der all seine Argumente und seinen Antrag auf Beibehaltung der GEMA enthielt. Aber Deutsche bekamen damals keine Reiseerlaubnis. Die Zensur verzögerte Korrespondenzen monatelang. Es gab keine Möglichkeit, die dringend benötigte Hilfe herbeizuschaffen.

Unmittelbar darauf machten Robert und ich mehrere Reisen und schrieben an zahlreiche einflußreiche Persönlichkeiten in aller Welt, angefangen bei Roberts altem Freund in London, Sir Leslie Boosey, dem Vorsitzenden der britischen Verwertungsgesellschaft (British Performing Rights Society), der Robert seinerzeit unter „britischen Schutz" gestellt hatte, als Nazis nach dem „Anschluss" versucht hatten, ihn zu isolieren. Im Februar 1950 flogen wir abermals nach London und trafen uns mit Sir Leslie und Mr. James, dem Generaldirektor der PRS. Auf ihre Initiative hin klingelten bald die Telefone im britischen Außenministerium, bei den Besatzungsmächten und in den Zentralen der französischen, der schweizerischen und anderer Urheberrechtsgesellschaften. Wir begaben uns nach Paris und unterbreiteten unser Anliegen den zuständigen Herren der französischen SACEM-Gesellschaft (die übrigens die älteste Autorengesellschaft der Welt ist). Von Paris aus ging es nach New York, um die Unterstützung der ASCAP zu gewinnen. Zu unserem Glück konnten wir die Angelegenheit dort mit Dr. Rudolf Nissim und dem Präsidenten der ASCAP, Gene Buck, besprechen. Ihnen gaben wir die Unterlagen, die Schulze in Berlin während jener Tage und Nächte geschrieben hatte, als er die Verteidigung der GEMA vorbereitete.

Nun kamen Anweisungen von höchster Stelle: von Downing Street, vom Quai d'Orsay, aus dem Weißen Haus an die Hochkommissare, die Existenz der GEMA und ihren weiteren Aufbau nicht zu gefährden, da sie nicht unter die Anti-Trust-Gesetze falle!

Erich Schulze konnte sich nun in aller Ruhe dem Wiederaufbau der GEMA widmen. Heute ist die GEMA eine der bedeutendsten Gesellschaften der Welt und ein wahrer Segen für alle schöpferisch tätigen Künstler - dank Schulzes Mut, unermüdlicher Hingabe und aufopferungsvoller Aufbauarbeit. Wie all ihre Schwestergesellschaften in anderen Ländern der Erde, kämpft die GEMA um Aufführungsgebühren bei den Musik-„Verbrauchern", beim Rundfunk, beim Fernsehen, bei Schallplattenfirmen etc. Die Gebühren, die für die Verwendung musikalischer Werke eingenommen werden, werden dann an die GEMA-Mitglieder verteilt, beziehungsweise, wenn es sich um Aufführungen ausländischer Werke handelt, an die entsprechenden Schwestergesellschaften überwiesen, zu deren Mitglieder gleichfalls Komponisten, Autoren und Musikverleger gehören. Auf diese Weise ist die gesamte musikalische Literatur der Welt durch gegenseitige Verträge der einzelnen Gesellschaften geschützt. Robert hatte auch befürchtet, dass die Zerschlagung der GEMA ein Präzedenzfall werden könne, mit dem auch den anderen Gesellschaften das Leben hätte erschwert werden können. So wurde die GEMA gerettet, doch wäre der Rettungsversuch sicherlich fehlgeschlagen, hätten sich nicht zwei Männer, Dr. Erich Schulze und Robert Stolz, selbstlos für ihre Rettung eingesetzt, jene beiden Männer, die an einem eiskalten Dezemberabend in Berlin beschlossen hatten, gegen scheinbar unüberwindbare Widerstände gemeinsam vorzugehen.

1963 wird Robert Stolz zu Recht vom Bundespräsidenten des Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland verliehen.
 
 

Erich Schulze Grünwald, im Juli 1997